Ein literarischer Abend mit spannenden Gesprächen über die Macht von Sprache und Erinnerungen.

Am 20. Januar bildeten der Roman 370m über NN von Jirí Hájícek und der Roman 1984 von George Orwell die Basis der Gespräche. Die Bücher wurden von den Gästen Gino Barth (Studierender der TU Chemnitz) und Uwe Hastreiter (Mitarbeiter der Stadtbibliothek Chemnitz) vorgestellt und gemeinsam mit den Moderatorinnen, Bernadette Malinowski (TU Chemnitz) und Tina Horlitz (Studentenwerk Chemnitz-Zwickau), diskutiert.

Der preisgekrönte Roman 370 m über NN von Jirí Hájícek erzählt die Geschichte eines Dorfes, einem „ländlichen Paradies“, das von einem Stausee überflutet wird, der das Kernkraftwerk Temelín mit Kühlwasser versorgt. Die Ich-Erzählerin Hanna will jedoch nicht die Ruinen ihrer Jugend besichtigen, sondern einem Ereignis auf den Grund gehen, das ihre Familie damals entzweit hat. „Die Erzählung kommt sehr ruhig daher und entwickelt sich nur langsam, aber die Leserschaft wird belohnt.“, so Uwe Hastreiter. Das Publikum erfährt, wie sich die Figuren nach und nach mit ihrer Herkunft, der Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzen.

Welche Rolle spielt die ehemalige Dorfgemeinschaft bei der Aufarbeitung der Geschehnisse im Umgang mit der Auslöschung des Dorfes, womit auch ein Bruch innerhalb von Familien und Generationen einhergeht. Wie ein Puzzle fügen sich nach und nach Erzählungen von Zeitzeugen mit den eigenen Erinnerungen von Hanna zusammen. Manchmal fehlt jedoch ein Teil und hinterlässt weitere Fragen. Fragen zur Identität und welchen Einfluss diese auf zukünftige Geschehnisse und den Umgang mit der eignen kultureller Herkunft hat.

Visionär zeigt der dystopische Roman 1984 von George Orwell auf, wie das Leben in totalitären und anti-demokratischen Staatssystemen sein könnte und welche Konsequenzen dies für die Menschheit hätte. Gino Barths Fragen an das Buch waren eindringlich und hinterließen auch das Publikum nachdenklich: Was ist Wahrheit und wie frei sind unsere Gedanken? Welche Bedeutung spielt Freiheit überhaupt (noch) für jeden einzelnen und die Gesellschaft? Die Stimmen aus dem Publikum zeigten auch, welche Möglichkeiten der Roman uns bietet, wenn wir uns mit Themen wie Datenschutz und dem Wert der eigenen Geschichte auseinandersetzen und damit, was passieren kann, wenn wir aktiv für uns und die Gemeinschaft handeln.

Beide Romane verbindet ein großes Thema: „Alles verschwindet“. Heimat, Sprache, Menschen und deren Geschichten. Die Charaktere in den Romanen versuchen vielschichtig zu ergründen, welchen Einfluss das Verschwinden von Episoden ihres Lebens und auch Sprache, auf sie und die Gesellschaft, auf uns alle hat.

Wir bedanken uns bei den Diskutierenden und dem Publikum für diesen schönen Abend.

Wir freuen uns auf die nächste Veranstaltung zu der wir alle Interessierten herzlich einladen möchten!

Fotos: Michele Scognamillo